Dreigroschenoper

Die Dreigroschenoper

Objektcollage und Acrylmalerei
85 x 65 x 5 cm, 2026
aus der 12 teiligen Serie "Musik für die Wand"

Wie  aus Haifischzähnen ein Brecht-Porträt wurde

Wie entsteht eigentlich ein Bild?

Die Frage wird mir häufiger gestellt.
Die ehrliche Antwort lautet: selten geradlinig.

Bilder entstehen bei mir nicht am Reißbrett. Sie entwickeln sich aus Zufällen, Erinnerungen, Materialfunden, Beobachtungen und gedanklichen Umwegen. Oft weiß ich am Anfang selbst noch nicht, wohin die Reise führt.

Bei meiner Collage "Die Dreigroschenoper"  begann alles an der belgischen Nordseeküste mit fossilen Haifischzähnen.

Nachtsuche am Strand von Bredene

Im letzten Jahr war ich mit meiner Freundin im belgischen Badeort Bredene, genauer gesagt am Strand Vosseslag. Dieser Küstenabschnitt ist bekannt für angespülte Fossilien, insbesondere fossile Haifischzähne.

Meine Freundin ist eine leidenschaftliche Sammlerin solcher Fundstücke. Ausgerüstet mit Taschenlampen wanderten wir nachts, abhängig von Ebbe und Flut, kilometerweit über den Strand.

Während sie konzentriert den Boden absuchte, richtete ich mich zwischendurch immer wieder auf und blickte hinaus aufs Meer, auf den Horizont und den Himmel. Die Stimmung erinnerte mich stellenweise an Caspar David Friedrichs berühmten "Mönch am Meer".

"Und der Haifisch, der hat Zähne,"

Und während ich dort stand, pfiff ich plötzlich ganz automatisch ein Lied:

"Und der Haifisch, der hat Zähne,
und die trägt er im Gesicht ..."

Die Moritat von Mackie Messer aus Brechts Dreigroschenoper, unvergesslich interpretiert von Hildegard Knef mit ihrem rauchigen Timbre und Querflöten-Begleitung.

Damit war - ohne dass ich es ahnte - der erste Keim für das spätere  Bild gelegt.

Aus solchen Strandwanderungen entstand also die Idee zur Collage "Die Dreigroschenoper".

James Ensor und das groteske Fischwesen

Natürlich nutzte ich die Gelegenheit auch zu einem Besuch des Ensor-Hauses in Oostende.

Der belgische Künstler James Ensor, berühmt für seine grotesken Maskenbilder und seine satirische Bildsprache, lebte dort einst über dem Souvenirladen seiner Familie. Nach dem  Tode seiner Mutter blieb der Laden nahezu unverändert erhalten - voller Muscheln, Fossilien, präparierter Meerestiere und merkwürdiger Kuriositäten.

Dort fotografierte ich eine Grafik mit einem grotesken Fischwesen.

Erst später zu Hause bemerkte ich etwas Seltsames:
Beim Fotografieren hatte sich mein eigenes Gesicht als Spiegelung über das Fischwesen gelegt.

Plötzlich war eine Bildidee da.

Aber eine Idee ist noch kein Kunstwerk.
Sie braucht Material, Widerstand, Form - und manchmal Wochen des Suchens.

Warum Brecht?

Ich entschied mich schließlich für ein Porträt Bertold Brechts.

Nicht für Mackie Messer selbst.

Mackie Messer besitzt kein festes Gesicht. Er wird von wechselnden Schauspielern verkörpert. Brechts Porträt dagegen besitzt einen hohen Wiedererkennungswert und ist tief im kulturellen Gedächtnis verankert.

Außerdem wurde mir zunehmend klar, wie gut die Haifischsymbolik zu Brecht passte.

Der Haifisch in der Dreigroschenoper ist weit mehr als eine Metapher für Gewalt. Er steht für:

  •      elegante Brutalität
  •      Macht ohne Rechtfertigung
  •      Verletzung ohne sichtbare Spuren
  •      Gewalt ohne Schmutz

Der entscheidende Satz der Moritat lautet nicht nur:

"Und der Haifisch, der hat Zähne ..."

sondern:

"Mackie Messer hat ein Messer,
doch das Messer sieht man nicht."

Genau das interessierte mich.

 

Das ganze Gesicht aus Zähnen

Anfangs wollte ich die Haifischzähne lediglich im Mundbereich einsetzen. Wegen der großen Menge der gesammelten Zähne bedeckte ich schließlich das gesamte Gesicht damit.

Im Nachhinein wurde mir klar, dass gerade darin die eigentliche Aussage  des Bildes liegt.

Die Zähne durchdringen Stirn, Augen, Wangen und Gesichtszüge.

Dadurch entsteht der Eindruck:

Macht sitzt nicht nur im Biss, 
sondern auch im Denken, Sehen und Formulieren.

Brecht war kein roher Gewaltmensch.
Er war ein ästhetischer Haifisch.

Die deformierten Instrumente

Die silberne Querflöte in der Collage verweist auf die berühmten Interpretationen der Mackie-Messer-Moritat - unter anderem durch Hildegard Knef.

In  meinen Musikcollagen verwende ich grundsätzlich echte Instrumente. Damit sie in die flachen Objektrahmen passen werden sie zusammengepresst oder zerlegt.

Dabei hilft mir gelegentlich ein Bauunternehmen mit Straßenwalzen.

Es ist jedes Mal ein merkwürdiges Schauspiel:
Während mehrere Tonnen Stahl über Trompeten, Flöten oder Jagdhörner rollen, zücken manche Mitarbeiter, zumeist Mitglieder regionaler Musikvereine, ihre Handys, um den "letzten Ton" der Instrumente aufzunehmen.

Die deformierten Instrumente besitzen anschließend eine eigene surreale Bildsprache. Sie werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und verwandeln sich in neue Bildobjekte.

Auch die alten Partituren habe ich zerrissen und neu zusammengesetzt - gewissermaßen  als abstrakte Neukompositionen.

Vielleicht entdeckt sie irgendwann noch die Musikwissenschaft als "abstrakte Musik".

Brecht und die Frauen

Auf der Headline des Bildes befinden sich neben Brechts Namen auch die Namen mehrer Frauen aus seinem Leben.

Darunter:

  • Paula Banholzer, seine frühe Geliebte, Mutter seines ersten Sohnes. Brecht ließ sie mit dem Kind weitgehend allein, kümmerte sich nicht drum.
  • Margarete Steffin, sehr begabte Autorin, politisch engagiert, emotional stark gebunden. Ihre Liebe zu Brecht war intensiv, aber einseitig. 
  • Marianne Zoff, Schauspielerin und erste Ehefrau. Die Ehe war von Untreue geprägt und scheiterte bald.
  • Helene Weigel, zweite Ehefrau, die stabilste Beziehung seines Lebens. Sie akzeptierte seine Affären. Diese Verbindung war eher ein Arbeits- und Lebensbündnis als eine klassische Liebesbeziehung.
  • Elisabeth Hauptmann, eine der wichtigsten, oft unterschlagenen Mitarbeiterinnen. Sie hatte erheblichen Anteil an der Dreigroschenoper. Brecht nahm ihre Arbeit an, ohne sie angemessen zu würdigen.

Je intensiver ich mich mit Bechts Biografie beschäftigte, desto deutlicher wurde ein Widerspruch. Einerseits analysierte Brecht scharfsinnig Macht, Ausbeutung und gesellschaftliche Abhängigkeiten. Andererseits lebte er privat selbst oft genau diese Strukturen.

Viele seiner Beziehungen waren geprägt von:

  • emotionaler Distanz
  • asymetrischen Machtverhältnissen
  • künstlerischer Abhängigkeit

Zugleich muss man sagen:  Ohne diese Frauen wäre Brechts Werk kaum denkbar gewesen.

 

 

Der produktive Riss

Bei der Beschäftigung mit Brecht zeigte sich für mich ein produktiver innerer Riss.

Als Künstler war er:

  • analytisch
  • entromantisierend
  • aufklärerisch

Als Mensch bewegte er sich oft in jenen Grauzonen, die er literarisch offenlegte.
Vielleicht liegt gerade darin seine Größe - und zugleich seine Problemhaftigkeit.
Brecht war weder bloß Täter noch bloß Genie.
Er war ein Mensch, der die Mechanismen der Macht verstand und sie gleichzeitig selbst nutzte, ein berühmter Mann mit abhängigen Frauen, wie aktuell der Fall Harvey Weinstein, 
#me-too.

In diesem Sinne erscheint mir der alte Satz passend:
"Sie predigen Wasser und trinken Wein".

Brecht wär dabei allerdings nicht der Priester.
Sondern eher der Theologe der Macht, der weiß, wie sie funktioniert und sie dennoch nutzt.
Das ist kein Verrat an seiner Kunst-
sondern ihr Schatten.

Die Haifischzähne in meinem Brecht-Porträt sind deshalb keine bloße Provokation.

Sie stehen für jene unsichtbaren Formen von Macht, die sich hinter Charisma, Intelligenz, Kunst und Sprache verbergen können.

Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Aktualität Brechts.

Und vielleicht beginnt Kunst manchmal tatsächlich ganz unspektakulär:

Mit kalten Fingern, nassen Gummistiefeln und einem gepfiffenen Lied am Nordseestrand.
 

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